I

In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner Begeisterung für Luther Luft:

„Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften, menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte, wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann, welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.“

So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach, wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing, Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die Ursache war.

Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich, noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die, daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten.

Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich, daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu hören.

Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit, den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen, Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung; Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war, desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern, das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen, eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht, rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem feindlichen Gegensatz zu Gott steht.

Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen, Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können, leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten; aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.

Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat.

Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend, allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde; denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd, verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte. Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich bei Luthers Worten denken können und sollen.

Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind, einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben frei sind.

Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt, heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken. Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage, der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels. Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. „Da ja dies das höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und Ohnmacht befördert wird.“ Zunächst scheint es allerdings weit verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß; ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt, heißt es in der Bibel. „Du sollst nicht tun, was dir recht dünkt.“ Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß sie „einen gnädigen Gott machen“.

Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges, Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also, welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. „Und Matth. 21, 31 spricht es auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute waren.“ Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern „fromme, ehrliche, keusche“ Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum. Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht verschwindet. „Sei Sünder und sündige kräftig“, schreibt Luther an den werkheiligen Melanchthon, „aber noch kräftiger vertraue auf Christus und freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.“ Das bewundere ich besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.

[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten, erwerben).

Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist, wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht, aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. „Gleichwie vom Anbeginn aller Kreaturen“, sagt Luther, „das größte Übel ist allezeit gekommen von den Besten.“ Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben, ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt.

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